Wissen um die Inklusion an Frankfurter Schulen: Warum wir jetzt handeln müssen
Durch mein ehrenamtliches Engagement als Frühstückshelfer beim Verein brotZeit e.V. an der Johann-Hinrich-Wichern-Schule erlebe ich jeden Tag, wie wichtig ein unterstützendes Umfeld für Kinder ist. Wer echte Inklusion will, muss den Betroffenen zuhören. Wie weit die städtische Planung jedoch von der Lebensrealität entfernt ist, zeigte sich jüngst bei der Vorstellung des 350-Millionen-Euro-Sanierungsprojekts der Ernst-Reuter-Schulen in der Nordweststadt: Ein dringend benötigter Wickeltisch für Jugendliche war in den Plänen überhaupt nicht vorgesehen – was im Nachgang zu massiven Platz- und Planungsproblemen führte.
Dieses Erlebnis hat mich hellhörig gemacht. Im intensiven Austausch mit dem Stadtelternbeirat Inklusion wurde mir klar, wie groß die Baustellen in unserer Stadt wirklich sind. Während die Stadtspitze um Oberbürgermeister Mike Josef im Wahlkampf medienwirksam mit einer Bildungsmilliarde wirbt, fehlen in Frankfurt real immer noch 29 Schulen. Für betroffene Familien, die täglich für das Menschenrecht auf Inklusion und ihr Elternrecht kämpfen müssen, ist dieser Abstand zwischen Versprechen und Wirklichkeit ein echter Skandal.
Inklusion darf bei Bauprojekten im Viertel kein nachträglicher Gedanke sein, sondern muss von der ersten Skizze an gelebt werden. Mit unserem aktuellen Antrag im Ortsbeirat 8 fordern wir den Magistrat auf, die schulische Inklusion in Heddernheim und Niederursel zukunftsfest zu gestalten. Wir fordern konkrete Taten statt leerer Worte:
- Bedarfsgerechte Pflege-Infrastruktur: Sanitäre Anlagen müssen bei Sanierungen standardmäßig mit Pflegeliegen und Wickeltischen für Jugendliche ausgestattet werden, um die Würde älterer Schülerinnen und Schüler zu wahren.
- Ausbau innovativer Pool-Lösungen: Das an der Erich-Kästner-Schule in Niederursel erprobte Modellprojekt „TIGER“ zeigt, wie unbürokratische Teilhabeassistenz im Klassenzimmer funktionieren kann. Wir wollen dieses erfolgreiche Modell auf weitere Standorte ausweiten.
- Stärkung bewährter Förderschulen: Solange Regelschulen baulich und personell nicht flächendeckend bereit sind, darf es keinen Abbau von Förderschulkapazitäten geben. Einrichtungen wie die Mosaikschule müssen verlässlich gestärkt und erhalten bleiben.
- Perspektiven für den Arbeitsmarkt: Praxisnahe Berufsorientierungsangebote in den Bereichen Handwerk, Hauswirtschaft und Administration müssen gesichert und ausgebaut werden.
- Schutz individueller Förderrechte: Auch bei modernen Pool-Modellen müssen die individuellen Rechtsansprüche der Kinder auf Nachteilsausgleich und maßgeschneiderte Unterstützung uneingeschränkt garantiert bleiben.
Antrag
Inklusion zukunftsfest gestalten – Ausstattung und innovative Teilhabemodelle an den Schulen in Heddernheim und Niederursel stärken
Der Ortsbeirat möge beschließen:
Der Magistrat wird aufgefordert, dem Ortsbeirat 8 bezüglich der schulischen Inklusion im
Ortsbezirk Bericht zu erstatten und in Kooperation mit dem Stadtschulamt, dem staatlichen Schulamt sowie unter kontinuierlicher Einbindung des Stadtelternbeirats (StEB) die folgenden Maßnahmen voranzutreiben:
1.) Bauliche Barrierefreiheit & bedarfsgerechte Pflege-Infrastruktur
Eine systematische Überprüfung der Schulen im Ortsbezirk 8 auf vollständige Barrierefrei
heit. Hierbei ist prioritär sicherzustellen, dass die sanitären Anlagen im Zuge anstehender
Sanierungen oder Erweiterungen neben Kleinkind-Ausstattungen auch über bedarfsgerechte Pflegeliegen/Wickeltische für Jugendliche verfügen, um die informationelle Selbstbestimmung und Würde älterer Schülerinnen und Schüler mit schweren Beeinträchtigungen vollumfänglich zu wahren.
2.) Erfahrungen aus dem TIGER-Projekt & Weiterentwicklung von Pool-Lösungen
Ein Zwischenbericht über die ersten Erkenntnisse und Erfahrungen mit dem Modellprojekt „TIGER“ (Teilhabe und Inklusion gemeinsam erleben) an der Erich-Kästner-Schule in Niederursel. Zudem soll dargelegt werden, welche Schritte und zeitlichen Perspektiven die Stadt Frankfurt prüft, um solche fallunabhängigen Pool-Lösungen für die Teilhabeassistenz auf weitere Schulstandorte im Ortsbezirk auszuweiten. Hierbei sind die praktischen Erfahrungen der betroffenen Elternschaft sowie des Stadtelternbeirats (StEB) aktiv einzubeziehen und anzuhören, um eine spürbare bürokratische Entlastung der Familien im Alltag sicherzustellen.
3.) Perspektiven der Berufsorientierung (BO) ausbauen Sicherung, Verstetigung und bedarfsgerechter Ausbau praxisnaher Berufsorientierungs-Angebote in den Bereichen Administration/Büro, Hauswirtschaft, Gärtnerei und Holzwerkstatt/Kreativ-Schreinerei, um Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf verlässliche Übergänge in den Arbeitsmarkt zu eröffnen.
4.) Ergänzung von Regelschul- und Förderschul-Infrastruktur
Sicherung einer engen Verzahnung von inklusiver Beschulung an Regelschulen und dem
verlässlichen Erhalt sowie der personellen und sachlichen Stärkung bewährter Förderschulen (wie der Mosaikschule im Ortsbezirk). Ein Abbau von Förderschulkapazitäten darf erst dann erfolgen, wenn an den regulären Schulen im Stadtgebiet die notwendigen personellen, pädagogischen und baulichen Voraussetzungen für eine gelingende Inklusion bedarfsgerecht und vollumfänglich erfüllt sind.
5.) Individuelle Förderrechte stärken
Sicherstellung, dass auch bei der Einführung modularer Pool-Modelle die individuellen
Rechtsansprüche der Kinder auf maßgeschneiderte Förderplanung, Nachteilsausgleich sowie qualifizierte Lernhilfe und sonderpädagogische Unterstützung im Unterricht uneingeschränkt gewährt und umgesetzt werden, indem sich die Stadt Frankfurt hierfür auch gegen über dem Land Hessen nachdrücklich einsetzt.
Begründung:
Das Ziel der Fraktionen im Ortsbeirat 8 ist eine vollumfängliche, gelingende und am Kindeswohl orientierte schulische Inklusion. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es einer engen Verzahnung von pädagogischen Konzepten und leistungsfähiger Infrastruktur vor Ort.
Die im Frankfurter Koalitionsvertrag verankerten Ziele für eine gerechte, barrierefreie
Stadtentwicklung und moderne Bildungschancen bilden hierfür die ideale Leitlinie. Inklusion darf nicht als rein organisatorische Maßnahme verstanden werden, sondern muss materiell und personell unterfüttert sein. Das im Ortsbezirk an der Erich-Kästner-Schule erprobte TIGER-Projekt zeigt hervorragende, zukunftsweisende Ansätze für ein modernes, infrastrukturelles Poolmodell, welches Bürokratie abbaut und flexiblen Support im Klassenzimmer ermöglicht. Gleichzeitig darf dieses System die individuelle Förderung und rechtliche Ansprüche (wie den Nachteilsausgleich) nicht ersetzen, sondern muss sie ergänzen. Die Forderung nach einem unbürokratischen System deckt sich mit den langjährigen, berechtigten Impulsen aus der Elternschaft und dem Stadtelternbeirat.
Inklusion, deren Expertise bei der Weiterentwicklung dieser Modelle eine Schlüsselrolle zukommen muss. Damit der Übergang in ein selbstbestimmtes nachschulisches Leben gelingt, müssen zudem handwerkliche, administrative und hauswirtschaftliche Berufsorientierungszweige dauerhaft gestärkt werden. Solange der Sanierungs- und Ausbaustand an allen Regelschulen die komplexen baulichen und pflegerischen Bedarfe (wie z. B. Wickeltische für Jugendliche) noch nicht flächendeckend abbilden kann, ist der parallele Erhalt und die Stärkung unserer Förderschulen – wie der Mosaikschule – eine zwingende Säule der Frankfurter Schullandschaft, um kein Kind im System zu verlieren.
